Betroffene erzählen:

»Mein Leben zwischen Fremdbestimmung und gefährlichen Abenteuern«

Thomas schaut nach oben und erkennt die Umrisse des Gipfelkreuzes auf dem Berg. Er spürt die Anziehung und die Faszination, die von diesem magischen Ort ausgehen. Heute ist Thomas vorbereitet. Die Route ist geplant, der Rucksack ist gepackt und das Wetter sollte mitspielen. Nur wenige Menschen kennen den versteckten Weg hinauf zum Gipfel, noch weniger Menschen bringen den Mut auf, den gefährlichen Weg auf sich zu nehmen. Bereit, alles hinter sich zu lassen, läuft Thomas los, egal wie sehr ihn seine Schmerzen quälen. Der Aufstieg bringt Thomas immer wieder an seine Grenzen. Steile Abhänge, gefährliche Geröllfelder und unüberwindbares Gelände verdeutlichen Thomas, wie klein und unbedeutend die Menschen doch sind. Ein falscher Schritt, ein Ausrutscher und das Leben ist vorbei. Auch das Abkommen vom Weg kann verheerende Folgen haben. Und es wäre nicht das erste Mal, dass sich Thomas verstiegen hat. Einmal stürzte er deshalb mehrere Meter ab und verlor die Orientierung. Das kostete ihn wertvolle Zeit, da das Wetter schlechter wurde. Und als junger Mann zertrümmerte ihm ein Stein, der sich über ihm aus dem Felsen gelöst hatte, sein Knie. Thomas erreicht einen mit Gras bewachsenen Abschnitt. Mit dem mulmigen Gefühl nur von Graswurzeln gehalten zu werden, zieht sich Thomas Büschel für Büschel mit den Händen den steilen Hang hinauf. Er überquert einen letzten schmalen Grat. Und dann erreicht er es, das Gipfelkreuz! Voller Stolz, Schmerz und Überwältigung blickt er hinab ins Tal und spürt noch deutlicher die Magie dieses Ortes. In seinem Kopf erklingt seine Lieblingsmelodie „Air“ von Bach. Thomas weiß, dass ihn diese Erinnerung bis ans Ende seiner Tage begleiten wird.

Portrait

Thomas ist Mitte 40 und wohnt gemeinsam mit seinen Eltern in Weingarten. Er hat drei jüngere Geschwister, die er selten sieht. Er könne kleinkarierte Menschen nicht ausstehen und beschreibt sich selbst als pflichtbewusst und perfektionistisch. Er hasse Normalität und Monotonie und kämpfe häufig mit Reizüberflutung und starken körperlichen Schmerzen. Besonders stolz sei Thomas auf sein Durchhaltevermögen. »Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann lasse ich mir das von anderen nicht so schnell ausreden!«

Jeden Tag beginne Thomas damit, dass er Pläne für den Tag schmiede. Er überlege sich genau, welche Dinge er einkaufen müsse und ob die freundliche Angestellte in der Bäckerei heute Dienst habe, weil er gerne ein paar Worte mit ihr wechsle.  

Als besonders prägend in seiner Kindheit beschreibt Thomas die ständige Fremdbestimmung durch die Kirche und seine sehr religiösen Eltern. Sein Umfeld habe versucht, ihn 30 Jahre lang in eine Schublade zu pressen und ihm Lebensziele vorgegeben. Diese Ziele seien jedoch für ihn nie erreichbar gewesen, weshalb er seinem Umfeld nie gerecht wurde. Gleichzeitig habe er in seiner Freizeit seine Abenteuerlust entdeckt und sei in Schulen auf Dächern herumgeturnt und vom Hausmeister gejagt worden. Wenn Thomas unterwegs war, war er außerdem nicht erreichbar für die Leute, die meinten, sein Leben bestimmen zu müssen.

Thomas habe eine Ausbildung als Bürokaufmann gemacht, jedoch nie in diesem Beruf gearbeitet. Stattdessen war er für Zeitarbeitsfirmen tätig. Sein schlimmster Job sei das Halbieren von Erdbeeren als Erntehelfer gewesen. Jetzt arbeite Thomas nicht mehr und bekomme die volle Erwerbsminderungsrente. Er sei jetzt »Zeitmillionär«, scherzt Thomas. Einmal sei er von seinen Eltern weg und habe versucht, in einer WG zu wohnen. Die räumliche Nähe mit anderen Menschen war aber nichts für ihn. Außerdem verstehe sein Umfeld nicht, warum man Geld für ein Zimmer ausgeben muss, wenn man doch zuhause wohnen könne.

Nicht leiden könne Thomas, wenn andere Menschen versuchen, ihn unter Kontrolle zu haben. Über die Jahre habe er deshalb gelernt, sich in andere hineinzuversetzen. Er könne auch schnell entscheiden, ob jemand echt ist oder nicht. Von anderen Menschen erwarte Thomas Ehrlichkeit, Offenheit und Empathie. Von sich selbst erwarte er, die Ursache für seine Schmerzen zu finden. Dankbar sei Thomas deshalb über Menschen, die versuchen ihm zu helfen.

In seiner Kindheit entwickelte Thomas eine Leidenschaft für Chemie. Sein Kinderzimmer habe damals einem Chemielabor geglichen. Dort habe er auch bemerkt, einen Hang zur Gefahr zu haben. Alleine auf Berge zu steigen war deshalb seine Leidenschaft. Aus körperlichen Gründen und wegen der starken Schmerzen musste Thomas die Berge jedoch aufgeben. Seine Erinnerungen an die Berge sind jedoch bunt und lebendig und lassen Thomas beim Erzählen strahlen.

Thomas große Hoffnung sei die Schmerzfreiheit, dafür würde er alles geben. Deshalb sei sein Lieblingssprichwort »Wer heilt, hat recht!«.

Könnte er sein Leben nochmals leben, würde Thomas sich nicht fremdbestimmen lassen und sich spätestens mit 18 Jahren eine eigene Wohnung suchen. Anderen Menschen mit auf den Weg geben möchte er, dass man immer in sich hineinhören müsse, um herauszufinden, welche Dinge einem gut tun. Alles andere solle man lieber früher als später bleiben lassen.